Chef der Stasi-Unterlagenbehörde im Klostergarten Roland Jahn zu Gast bei

08.09.2020

"Die Bibel und der Wein" mit Gitta Connemann und Pater Edmund"


SÖGEL. Petrus meinte es gut. Pünktlich zu Beginn von "Die Bibel und der
Wein" konnten die Regenschirme im Klostergarten Sögel eingeklappt werden -
sogar die Sonne wollte zusehen. So konnten Gastgeber Pater Edmund, die
CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann und der Chef der
Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn entspannt über Gott und die Welt
sprechen. 150 Zuhörerinnen und Zuhörern erfuhren vieles über das Leben in
der DDR, Willkür, Widerstand und Freiheit - aber auch über Verzeihung.

Roland Jahn ist der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
(BStU). Er hatte den Mut zum Widerstand im DDR-Unrechtsstaat, war SED-Gegner
und Bürgerrechtler. Pater Edmund zollte dem 67-Jährigen schon zu Beginn der
Veranstaltung Respekt, für "alles, was er in seinem Leben bewirkt" habe.

In Jena erlebte Jahn Kindheit und Jugend in der DDR. Er erzählte vom Bau der
Berliner Mauer und den Fragen, die er sich als Kind stellte: "Wieso darf man
da nicht hin? Wieso schießt man auf Menschen?" Als der Sänger Wolf Biermann
aus der DDR ausgebürgert wurde, war Jahn Student. Er protestierte und
stellte Fragen. Daraufhin wurde er exmatrikuliert. Jahn war zu diesem
Zeitpunkt 24 Jahre alt: "Das Schlimmste war, dass meine Kommilitonen über
diese Entscheidung abstimmen mussten. Fast alle haben gegen mich gestimmt,
weil sie Angst hatten."

Viele Jahre später entschuldigten sich einige dafür. Jahn gab zu, dass er
nicht wisse, wie er selbst in dieser Situation gehandelt hätte. Gleichzeitig
machte er deutlich, wie viel ihm die Eingeständnisse bedeutet haben. Er habe
in dieser Zeit gelernt, Menschen zu verzeihen.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs sprachen Connemann, Pater Edmund und Jahn
über Inhaftierung, Anwerbeversuche der Stasi, die Ausbürgerung aus der DDR
und die Bedeutung der Stasi-Unterlagen bis heute. Seit 1990 sind mehr als
7,3 Millionen Anträge bei der Behörde eingegangen. Das Interesse ist nach
wie vor groß, gerade von Zwangsadoptierten oder den Nachfahren von
Verfolgten in der DDR. Alleine im ersten Halbjahr 2020 waren es noch immer
20.743 Anträge.
Connemann und Jahn werben aus diesem Grund dafür, die Stasiakten weiter
zugänglich zu halten. Beide haben dafür lange gekämpft. Connemann machte
deutlich: "Die Stasiakten gehören zum nationalen Gedächtnis. Sie sind das
Fundament für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Aufklärung ist die
Grundlage der Demokratie."

Mittlerweile steht fest: die Stasiunterlagen werden ins Bundesarchiv
überführt. Und es wird einen Opferbeauftragten geben. Ein entsprechender
Gesetzentwurf liegt vor. Jahn selbst wird dann seinen Ruhestand genießen.
Gitta Connemann dankte ihm für seinen steten Einsatz: "Roland Jahn ist
beeindruckend. Als er von seinem Leben erzählte, hätte man eine Stecknadel
fallen hören können. Er ist einer der Wegbereiter der Freiheit. Und damit
ist er für mich ein Held."